Pater Placidus feiert Nach-Primiz an denkwürdigem Ort
Eine Primizfeier an einem denkwürdigen Ort beging kürzlich ein Zisterziensermönch aus dem Priorat Bochum-Stiepel. Die Heimkehrer-Dankeskirche in Bochum-Weitmar wurde 1958 von Pfarrer August Halbe errichtet. Nach seiner Heimkehr aus einer fünfjährigen Kriegsgefangenschaft im Ural begann er zusammen mit 20 weiteren Kriegsgefangenen den Bau der Kirche als Ausdruck der Dankbarkeit vor Gott und die Rettung aus der Haft. Am 12. Dezember 1959 weihte Bischof Dr. Franz Hengsbach die Kirche und seit 2005 steht das Gotteshaus unter Denkmalschutz. In der Krypta befinden sich eine Gedenkstätte und ein Museum, das zahlreiche Gegenstände enthält, die in den Lagern mit deutschen Kriegsgefangenen entstanden sind. Hinzu kommen Gemälde und Zeichnungen aus dem Alltagsleben der Lagerinsassen, unter anderem eine Kopie der bekannten Madonna aus Stalingrad. Die Kirche ist somit zu einem Erinnerungsort von nationalem Rang geworden, in der die historische und religiöse Erinnerung einer Generation von Kriegsteilnehmern ihren Ausdruck gefunden hat. Auch für junge Menschen sind Kirche und Krypta lohnenswert: Zum einen erhalten sie Einblicke in die dunklen Jahre der Geschichte. Zum anderen vermittelt der Ort ein tieferes Verständnis für ein Leben in Frieden und Freiheit. Nachfolgenden Generationen soll hier vor Augen geführt werden, dass das Recht der Freiheit und der Menschenwürde nicht selbstverständlich ist und stets ins Bewusstsein gerückt und bewahrt werden muss.
Gerade diesen Ort suchte sich der Zisterzienserpater Placidus Beilicke, der am 17. Juni 2011 von Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck in der Wallfahrtskirche Bochum-Stiepel zum Priester geweiht wurde, für eine Heilige Messe als Nach-Primz aus. Der Vater von Pater Placidus war selber noch Kriegsheimkehrer. Daher dachte der Primiziant in dieser heiligen Messe in der Krypta des Gotteshauses in Bochum-Weitmar auch besonders an seinen verstorbenen Vater.
In seiner Predigt nahm Pater Placidus besonders das "ergreifende Marienbild der Muttergottes von Stalingrad" in den Blick seiner Betrachtungen. Das Bild zeigt eine sitzende Frauengestalt, die ähnlich einer Schutzmantelmadonna unter ihrem Mantel ein Kind birgt, dieses liebevoll ansieht und ihm Schutz und Geborgenheit gibt. Die Darstellung trägt die Umschrift "1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe". Gezeichnet wurde das 105 × 80 Zentimeter große Bild mit (Holz)-Kohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte. Eine Reproduktion als bestickter Wandbehang befindet sich in der Krypta der Bochumer Heimkehrer-Dankeskirche. Das Original befindet sich nun in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächniskirche. Das Weihnachten 1942 von dem evangelischen Pastor, Oberarzt im Lazarett und Künstler Dr. Kurt Reuber gezeichnete Bild entstand in einem Unterstand im Kessel von Stalingrad. Nach dem Evanfelium der Abfolge Jesu schlug der Neupriester den Bogen: "Auch wir ruhen auf Vorvätern. Wir sind nur das was wir sind, weil es sie gab." Pater Placidus nimmt Bezug auf die sogenannten O-Antiphonen des Advents: "O sapientia - O Weisheit." Das sei die Dimension des Advents heute. Der Advent sei den Lesungen nach eine Zeit von Feuer und Erdbeben. Reuber schreibe in einem Brief: "Wir durchlebten und durchkämpften die größte Adventszeit unseres Lebens. In tätiger Erwartung unserer Erlösung. Uns sind in Verkettung von Schuld und Schicksal die Augen für die Schuld geöffnet worden." Die mangelnde Friedensbereitschaft sei Grund für die Katastrophen der Menschheit. Friede werde nicht erst in der großen Politik gemacht, sondern müsste bei uns selber beginnen. Krieg sei ein Audruck von Leid und Tod. Friede müsste bereits im kleinen gewahrt werden. Das Buch Genesis spreche vom Baum mit der Frucht der Erkenntnis. Die Kirchenväter hätten gesagt: "Aus dem Holz des Baumes der Erkenntnis sind Krippe und Kreuz gemacht." Christus selber sei die Weisheit, also die Frucht der Erkenntnis, die sich in der Krippe und der Katastrophe des Kreuzes wiederspiegelt. Die Pritschen der Lager seien eine Art hölzerne Krippen. Dies haben die Soldaten in der Stalingradmadonna gefunden: "Die Frucht der Rettung." Es sei wichtig, dass es Orte gebe, die von der tiefsten Not der Erniedrigung erzählen. Reuber: "Bei uns Gefangenen wurden wir zur Einkehr gezwungen." Verblendung führe - so der Neupriester - nur zu neuen Katrostrophen. Daher sei es wichtig, dass Gedenkorte wie die Heimkehrer-Dankeskirche an solche Katastrophen erinnern. Pater Placidus abschließend: "Orte wie die Heimkehrer-Dankeskirche reden von der Muttergottes, die die Weisheit geboren hat, die Frucht der Erkenntnis, gereift vom Baum von dessen Holz Krippe und Kreuz gemacht sind."
Nach der heiligen Messe erteilte Pater Placidus den zahlreichen Gottesdienstbesuchern noch den Einzel-Primizsegen.
Der Marienwallfahrtsort Bochum-Stiepel ist eng mit der Geschichte der Heimkehrer-Dankeskirche verbunden. Vor Beginn des Kirchbaus fanden 1956 und 1958 zwei Bittwallfahrten zur Schmerzhaften Mutter von Bochum-Stiepel statt. Daher unterstreicht die Primiz eines Zisterziensermönches aus Bochum-Stiepel gerade auch diese geschichtliche Verbindung der beiden Orte.
Die Bochumer Heimkehrer-Dankeskirche soll auch weiterhin Mahnmal für Frieden und Aussöhnung unter den Völkern sein. Pfadfinder aus der Gemeinde Heilige Familie - Heimkehr aus Ägypten - brachten so auch in diesem Jahr wieder das Friedenslicht von Bethlehem in die Heimkehrer-Dankeskirche und stellten es kürzlich im Sonntagsgottesdienst vor und gaben es an die Gottesdienstbesucher weiter. Ein treffendes Symbol für diese Gedenkstätte.
Fotos: H. Haferkamp