Impuls in besonderen Zeiten - Nr. 42

Liebe Schwestern und Brüder,

„Und damit hat das einundzwanzigste Jahrhundert endgültig begonnen,“ schreibt Paul Auster am Abend des 11. Septembers (Paul Auster: Mit Fremden sprechen, Hamburg 2020).

Einen solchen endgültigen Anfang – das Wort wurde Fleisch – kennt die christliche Tradition in Jesus Christus. Und genau dieses Wort, nämlich Jesus Christus, hat das in der jüdischen Schrift geoffenbarte Wort Gottes häufig zitiert, ausgelegt und als der Messias erfüllt! „Sein Reich komme ….“ Also – endgültige Anfänge sind eine konkrete Einladung, sich mit den Vorgeschichten intensiv zu befassen.

Im Buch Daniel wird die Geschichte von Susanna erzählt. Sie ist die attraktive junge Frau eines bedeutenden Mannes. In ihrem Haus verkehren auch die Persönlichkeiten der Stadt. Zwei Richter begehren Susanna, unterhalten sich darüber – ja – und Susanna schlägt die Stunde. Als sie in ihrem Garten ein Bad nehmen will, schickt sie die Magd zum Verschließen der Gartentür und dann weg. Zeitgleich waren die Richter vorher zu Besuch und haben sich jetzt im Garten versteckt. Sie lauern Susanna auf und stellen sie vor die Wahl: „Wenn du jetzt schreist, werden wir dich des Ehebruchs anklagen, weil wir ja einen Mann bei dir gesehen haben, der uns leider entwischt ist – dein sicherer Tod.“ Und Susanna schreit um ihr Leben, um der angekündigten gemeinschaftlichen Vergewaltigung zu entgehen. Und die Richter schreien. Natürlich kommen sofort der Ehemann und andere Anwesende angerannt. Die Richter handeln wie angekündigt und beschuldigen Susanna in einem Schauprozess. Das Volk zeigt sich mit dem Richterspruch einverstanden: „Todesstrafe für die Ehebrecherin.“ Und wieder schreit Susanna. Und Daniel, ein Mann aus dem Volk, sagt dann ruhig: „ Urteile sollten auf eingehenden Untersuchungen fußen. Ihr könnt doch nicht einfach so zackzack standrechtlich Menschen töten – Söhne Israels – und schon gar nicht Töchter Israels!“ Das sieht der Gerichtshof ein und Daniel tut, was Sie vielleicht auch aus dem Film „Die Zwölf Geschworenen“ mit Henry Fonda kennen: Er führt Beweisaufnahme in einem völlig aussichtslosen Fall. Also Daniel befragt getrennt die beiden Richterzeugen: „Wo genau habt ihr Susanna und ihren Liebhaber gesehen?“ Diese, ihrer Sache so sicher und deswegen ohne konkrete Absprache der Zeugenaussage, sagen einmal: “Unter dem Maulbeerbaum,“ und zum anderen: „Unter der Eiche.“. So wird Susanna gerettet. Ach ja – und der unschuldige Afroamerikaner im besagten Firm wird ebenfalls freigesprochen.

„Was mich an seinen Büchern anzieht, ist seine innige Verbundenheit mit der Welt, sein Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, seine Zärtlichkeit“, schreibt Paul Auster über Georges Perec. Ich könnte keine treffenderen Worte dafür finden, was mich so begeistert für den unbekannten Gott.

Liebe Grüße von Renate Gottschewski

Ground Zero