Impuls in besonderen Zeiten - Nr. 55

Was ist Nächstenliebe?

Liebe Schwestern und Brüder,

Moskau im Jahre 1850: Einmal besuchte eine hohe Kommission das Krankenhaus für Gefangene. Ein Beamter forderte einen Häftling auf, von seiner Straftat zu erzählen. Dieser begann mit niedergeschlagenen Augen zu stammeln. Die Tür flog auf und ein alter Arzt im abgewetzten Frack mit einem großen Orden am Revers donnerte: „Schämen Sie sich in Grund und Boden: alle!“ Dann wandte sich Fjodor Petrowitsch, wie die Moskauer den deutschen Arzt Haass nannten, dem Häftling zu. „Täubchen, du hast ihnen nichts zu sagen.“ Den anderen zugewandt: „Niemals erlaube ich, dass man mit einer Menschenseele seinen Spott treibt.“

Hätte man den jungen Haass mit einer solchen Zukunft konfrontiert: Kopfschütteln.  Denn alle Zeichen standen auf Bilderbuch-Karriere: Münstereifler Apothekersohn, promovierter Arzt, hochdotierte Stelle am Petersburger Fürstenhof, eigene Praxis in Moskau und im Alter von 27 Jahren Chefarztstelle, Erhebung in den Adelsstand (Wladimir-Orden), ein Stadthaus und ein Landgut samt Fabrik mit einhundert Leibeigenen ….. 

Das Leben des erfolgsverwöhnten Mannes in den besten Jahren wendete sich anlässlich eines Ausflugs auf die Sperlingsberge, einer Anhöhe vor den Toren Moskaus. Von hier aus mussten Gefangene und Verbannte aus ganz Russland den monatelangen Fußweg nach Sibirien antreten: jedes Jahr rund 7000 Personen, darunter Kinder, Ehefrauen und Personen, die lediglich zahlungsunfähig oder schlicht lästig waren.

Im Selbstversuch überzeugte sich Haass davon, dass die wochenlange Kettenfesselung, insbesondere die zehn Menschen verbindende Stange große Qualen verursachte. Er sorgte durch hartnäckige Anträge 1833  für deren  Abschaffung und  leichter zu tragende und gefütterte Fesseln. „Was habt ihr davon, wenn die Deportierten entkräftet und die Hälfte gar nicht ankommen, weil sie sterben? Sie sollen doch arbeiten.“ 

Der unbequeme Haas wurde 1835 als Leiter des Gefängnis-Schutzkomitees und 1839 als Hauptarzt der Gefängnis-Krankenhäuser abgesetzt. Auf den Sperlingsbergen hat Haass bis zuletzt täglich die Deportierten besucht.  Er half  mit ein bisschen Geld, einem warmen Brötchen, einem persönlichen Wort und  verteilte tausende gespendete Bibeln und selbstverfasste Schriften.  Gleichzeitig stellte er unermüdlich Anträge an die Behörden, um das Leben der Gefangenen und Verbannten erträglicher zu machen. Denn das russische Strafrecht und hoheitliche Willkürakte empörten Haass immer wieder auf’s Neue. So waren Berufungen erst nach Vollendung der Haft/Verbannung möglich. 
Haass starb 1853  im Moskauer Polizei-Krankenhaus, in dem er bescheiden wohnte und täglich die Kranken besuchte. Papst Franziskus erhob ihn 2016 zum „Heiligen der Barmherzigkeit“.

Gerne wird Menschen, die im Alltag und Beruf  Nächstenliebe praktizieren, vorgeworfen, zu weich in dieser harten Welt zu handeln, letztlich doch nur ausgenutzt zu werden, ja sich lächerlich zu machen. Schon gar nicht könne jemand allein zu Felde ziehen. Und wo kämen wir denn hin, wenn jedem und jeder geholfen werde, dem Ungerechtigkeit widerfährt? 

Haass spricht eine andere Sprache. Keineswegs redete er begangene Verbrechen klein. Sein Gerechtigkeitssinn war stark ausgeprägt. Er stellte sich neben Täter, denen er über seine sachkundige Hilfe als Arzt und erfahrene Nächstenliebe ein Umdenken und zukünftig bessere Handlungsmuster zutraute. Dabei war Franz von Sales sein großes Vorbild, der das Christsein auf alle Lebensbereiche einschl. des Berufs bezog. 

Nicht in der Straftat oder Verfehlung als solcher, sondern im kalten Herzen liegt der  tiefste Abgrund des Bösen, stellt Dostojewski in „Der Idiot“ fest. Darin hat er, der gerade seinen  200. Geburtstag feiert,  Haass in einer kleinen Episode ein Denkmal gesetzt.

Liebe Grüße von Renate Gottschewski.

Renate Gottschewski